Vita

Ursula Donn

Lebt und arbeitet in Stuttgart

2010 Diplom Malerei, Staatliche Akademie der Bildenden Künste Stuttgart, Klasse Cordula Güdemann

2002 Freie Hochschule für Grafik Design und Bildende Kunst,

Freiburg, Klasse Ben Hübsch

1977 geboren in Frankfurt am Main

 

 

Das Ornament zieht sich wie ein roter Faden durch Ihre Arbeiten.

Es symbolisiert die Rhythmen, die jedem Leben zu Grunde liegen und soll Assoziationen wecken. Es ist der Herzschlag des Bildes.

Die meist leuchtend – harmonisch – bunte Farbgebung lädt zum Verweilen und Träumen ein,

zum Eintauchen in das „Dazwischen“,

lädt ein, sich an der Schwelle zwischen „Fassbarem“ und „Unfassbarem“ hin und her zu bewegen, lädt ein, sich auf das Rätselhafte einzulassen, Fragen zu stellen,

ohne Antworten geben zu müssen.

 

 

Ursula Donn: „Zum Ursprung zurück“

The purpose of art is to lay bare the questions that have been hidden by the answers.”

― James Baldwin

„Wie geht Schwarzweißfühlen?“, „Woraus besteht Schlaf?“ und „Welche Farbe hat die Seele nochmal?“ sind Fragen, welche Ursula Donn in ihren Bildtiteln stellt. Die Suche nach Antworten auf den intensiv leuchtenden Bildern mit den wiederkehrenden Ornamenten eröffnet den Blick auf ineinander verwobene Perspektiven und lädt zu einem genaueren Hinsehen und Hinfühlen ein. Schon Platon wusste: „Wer lebt ohne zu fragen, lebt nicht wirklich.“ Diese Lebendigkeit, welche in Fragen liegen kann, spürt man in den leuchtenden, harmonischen und bunten Farben der Bilder.

Antworten zu finden braucht Zeit. Die Werke und Perfomances von Ursula Donn laden ein, sich Zeit zu nehmen. Zeit genauer hinzusehen und Details zu entdecken, Zeit sich mit der Symbolik der Ornamente zu beschäftigen, die Vordergründiges und Hintergründiges miteinander verweben, Zeit sich auf die Figuren einzulassen, die mal nackt, mal in aufwändigen Gewändern den Betrachter direkt konfrontieren. Auch im Entstehungsprozess der Werke spielt Zeit eine wichtige Rolle. In der Entstehungsgeschichte der Bilder tastet sich die Künstlerin über das plastische Gestalten von Gewändern, Figuren, Hüllen, über die praktische Auseinandersetzung etwa mit Federn und Flügeln voran und erst am Ende einer intensiven, sinnlichen und multiperspektivischen Auseinandersetzung entstehen ihre Werke in einer aufwändigen Maltechnik, die damit gleichzeitig auch zu einem „Zeitspeicher“ werden. Wer sich Zeit nimmt, Zwischentöne zu entdecken, auf der Schwelle zwischen Fassbarem und Unfassbarem zu verweilen, wird in Donns Bildern nicht unbedingt Antworten finden, aber den grundsätzlichen Fragen vielleicht ein Stück näherkommen.

Einige Motive der in diesem Katalog vorgestellten Werke zeigen Menschen, deren Köpfe in schillernden Blasen stecken, Kinder die unter Glasglocken stehen. Sie erinnern daran, dass jeder von uns Schöpfer seiner ganz eigenen Realität sein kann. In den frühen Bildzyklen wie beispielsweise bei „Mama, guck die Welt verzieht sich.“ setzt sich Donn mit diesen verschiedenen Realitäten und Wahrnehmungsblasen auseinander. Auch in der Serie „Woraus besteht Schlaf?“ findet diese Annäherung an unterschiedliche Realitäten statt, hier sehen wir kostümierte Kinder, zwischen Papierfliegern Federn oder Löwenzahn, deren Gesichter sehr verschiedenen Emotionen spiegeln. Bereits in diesen Werken lässt sich das Spannungsfeld zwischen innerem Erleben und äußeren Hüllen und Kostümierungen entdecken. Mit diesen Hüllen setzt sich Donn in Werken wie „Und welches ist dann die dritte Haut?“ oder „Kann man eigentlich alles fühlen?“ noch intensiver auseinander. Obwohl die Werke beinahe fotorealistisch gemalt sind und auf selbstangefertigten und anschließend fotografierten Modellen aus Plastikflaschen, Plastikhandschuhen oder Küchenutensilien basieren, lassen sie dem Betrachter dennoch Raum für eigene Projektionen, Gedanken und Gefühle. Hier wird der Schaffensprozess selbst zu einem Kunstwerk, plastisches Gestalten und Malerei verbinden sich, indem Donn durch ihre Kostüme phantasievolle und außergewöhnliche Ideen zur Realität werden lässt, diese Realitäten fotografiert und dann wiederum in einem phantasievollen malerischen Prozess überschreibt. Auch in diesen Bildern transportieren die Figuren v.a. durch ihr Äußeres und durch ihren Gesichtsausdruck Emotionen. Anstelle von räumlichen Hintergründen gestaltet Donn ornamentale Hintergründe die den Blick vom Außenraum auf den Innenraum lenken. Wie der Herzschlag des Bildes pulsieren diese Ornamente in jedem ihrer Werke. Hintergrund und Vordergrund scheinen zu verschwimmen und überlagern sich. Die Ornamente tragen mit ihrer Symbolik zum Bildinhalt bei und greifen formal das Hauptmotiv auf.

Während in den früheren Werken noch Freunde, Verwandte oder zufällige Begegnungen zu ihren Modellen wurden, vollzog sich in den vergangenen Jahren ein radikaler Wandel. Nach der Auseinandersetzung mit den äußeren Hüllen, Rollenbildern und Erwartungen, pellt sich die Donn diese Hüllen förmlich vom Leibe, wie dies sehr anschaulich bei einer Performance zu sehen war, in den Donn sich die zweite oder dritte Haut abzieht. (Titel?)

Sie selbst wird zum Modell ihrer Bilder, nackt, verletzlich und in Embryostellung liegt sie in einer Blase (Welche Farbe hat die Seele nochmal?). Sie lässt die Hüllen fallen, und kehrt zurück zum Ursprung. Mit schonungsloser Ehrlichkeit und Mut liefert sie sich dem Betrachter aus, schutzlos und zusammengekauert.

In leichten, schillernden und bunten Farben scheint die Seele Flügel zu bekommen, die Blasen in welchen ihre Figuren gefangen waren, platzen (Wieviel wiegt ein Gedanke?). Und gleichzeitig erinnern ihre Figuren daran, wie angreifbar und verletzlich wir ohne Masken und Hüllen werden. Sie konfrontieren mit dem Ursprung des Seins. In gewisser Weise kann sich in den Bildern auch die Verheisung nach der Freiheit, die wir in dem Moment finden, indem wir unsere Hüllen ablegen, entdecken lassen.

Das Spiel mit Kontrasten spitzt sich in den jüngsten Werken zu. Immer wieder begegnen sich die Motive des Herzorgans und des Gehirns. Wie ein Embryo malt sich Donn umgeben von der Hülle des Gehirns. Geborgen zwischen Händen und mal mit Händen die nach ihr greifen liefert sie sich in ihren Selbstportraits aus. Wo in ihren vorherigen Bildern am Rücken Flügel wuchsen, hat sich nun ein Dornenpanzer auf dem Rücken ihrer Figur gebildet. Mal scheint die Figur im Bild mit dem Titel „Wieviel Platz braucht Sehnsucht?“ beinahe leblos und erschlafft von dem Gedankenknäul erdrückt zu werden, mal blickt sie den Betrachter in „Wann wird ein Gedanke zu laut?“ direkt an und hält ebendieses Gedankenknäul fest umfasst. Die Kontraste zwischen Denken und Fühlen, zwischen Kopf und Herz spiegeln sich in Donns Bildern und lösen sich doch nie ganz auf. Picasso soll einmal gesagt haben: „Kunst ist der Ausdruck der Freiheit, und Freiheit entsteht durch die Spannung der Gegensätze.“. Und in genau diesem Spiel mit dem Gegensätzlichen, zwischen der Welt die uns umgibt und der inneren Welt, zwischen träumerischen Inhalten und fotorealistischer Malweise, zwischen Einsamkeit und Verbundenheit bewegen sich Donns Kunstwerke und schaffen damit einen Freiraum für eigene Assoziationen und Emotionen.

Auch die Performances von Donn greifen Motive und Themen auf, die sich in den Bildern wieder entdecken lassen. Die Performances stellen den Versuch dar, verschiedene Gefühlszustände erfahrbar bzw. erlebbar zu machen. Auch hier geht es immer wieder um Kontraste, wie etwa um das gleichzeitige Fühlen ganz unterschiedlicher Emotionen. Die Performances sind untrennbar mit den Bildern bzw. Objekten verwoben und bieten gleichzeitig einen ganzheitlichen und emotionsfokussierten Zugang zu verschiedenen Themen. Die inneren Gefühlszustände, die Donn in ihrer Kunst aufgreift und somit sichtbar und fühlbar werden lässt, beziehen sich auf zutiefst menschliche Gefühlswelten, die beim Betrachter unterschiedliche Resonanzen auslösen können. Der Betrachter wird in der Auseinandersetzung mit Donns Werken selbst zum fühlenden Subjekt. Sich auf dieses Spiel mit eigenen Resonanzen einzulassen, sich von den Bildern und Performances berühren zu lassen, greift die zeitlose Gültigkeit menschlichen Fühlens auf. Donns Werke werden damit zu einem Spiegel eigener Emotionen.

Dr. Sarah Pohl

 

Statement 2023

Malerei ist für mich ein Bedürfnis, gestattet mir das Leben längere Zeit nicht zu malen werde ich unausstehlich.

Ich male, weil die Bilder in mir Schlange stehen, sich ungeduldig auf die Füße treten, sich manchmal überholen bevor ich sie auf der Leinwand sichtbar machen kann.

Die Bilder tauchen in mir auf und wollen hinaus.

Sie entstehen intuitiv und verraten mir meist erst im nachhinein, was sie mir sagen wollen, wo sie Ihren Ursprung haben. Sie sind eigentlich immer sehr eng mit meiner Lebenssituation verbunden.

Ich möchte mit meinen Werken dem „Innen“ eine Stimme verleihen. Dem „Sein“, unserem Fühlen, unseren „Lebensrollen“, Stimmungen, Gedanken nachspüren. Gedankenspielräume, Projektionsflächen schaffen.

Bilder die ohne Worte auskommen, berühren, Fragen stellen, ohne Antworten zu geben.

Die losgelöst vom Zeitgeschehen eine Allgemeingültigkeit erhalten.

Ich arbeite mit Acrylfarben und habe mir über die Jahre eine aufwändige, vielschichtig, lasierende Maltechnik angeeignet.

Mich fasziniert die gespeicherte Lebenszeit, die unweigerlich in einem Werk mitschwingt, pulsiert.

Schon seit Beginn meines Studiums zieht sich das Ornament wie ein roter Faden durch meine Arbeit. Für mich ist es Rythmus, Ruhepol und Bedeutungsträger zugleich. Es unterstreicht im Zusammenklang mit einer meist harmonisch leuchtenden Farbgebung eine verspielte Leichtigkeit, die oft erst auf den Zweiten Blick im Kontrast zu einem unbequemen Bildinhalt steht.